Der Podcast mit Ivo Ryssel
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Lektion 312 · Ein Kurs in Wundern

Dein Sein ist frei vom Ego

Ich sehe alle Dinge so, wie ich sie haben möchte.

Beitrag 2026 · Zur Lektionsübersicht

Im Café verdecken Urteilsetiketten wie eingebildet, engstirnig und 0-Checker das Gegenüber im Kreislauf von Urteil und Wahrnehmung. Rechts begegnen sich beide mit freiem Blick.
Dein Urteil bestimmt deinen Blick. Innehalten. Neu sehen. · In voller Größe öffnen

Gedanken zur Lektion

Lektion 312: Ich sehe alle Dinge so, wie ich sie haben möchte.

Wir halten unsere Wahrnehmung meistens für einen zuverlässigen Beweis. Jemand verhält sich rücksichtslos. Wir bemerken es, ärgern uns und wissen: So ist dieser Mensch. Doch was, wenn wir etwas übersehen? Was, wenn unser Urteil bereits feststand, bevor wir hingeschaut haben? Die Wahrnehmung folgt dem Urteil. Und weil sie uns zeigt, was wir zu sehen gewählt haben, scheint unser Urteil vollkommen gerechtfertigt. Es ist ein Kreislauf.

Schauen wir einmal genauer hin. Jemand sagt etwas, das uns nicht passt. Vielleicht fühlen wir uns angegriffen oder meinen, den anderen korrigieren zu müssen. Oder glauben wir, dieser Mensch sei dafür verantwortlich, dass es uns gerade nicht gut geht? Es geht hier nicht um einen sachlichen Fehler wie eine falsche Rechenaufgabe. Es geht um die Bedeutung, die wir einem Verhalten geben. Um die Geschichte darüber, was der andere uns angeblich antut.

Hinter dieser Geschichte steht die Vorstellung, wir seien voneinander getrennt. Ein verletzliches Ich hier und eine Welt dort, die ihm etwas nehmen kann. Im Denken des Egos gehört Schuld zu dieser Vorstellung: Wir glauben, die Ganzheit angegriffen und unsere Unschuld verloren zu haben. Daraus entstehen Urteile, und unsere Wahrnehmung liefert die passenden Bestätigungen. Was wir sehen, hält dann den Glauben aufrecht, aus dem unser Sehen hervorgegangen ist. Doch die vermeintliche Trennung ist dadurch nicht wirklich geworden.

Die Ego-Abteilung hat darin eine erstaunliche Betriebsamkeit entwickelt. Sie sammelt Vergangenheit, ordnet sie ein, macht daraus ein Ich-Bild und verkauft uns dieses Bild als Gegenwart und Zukunft. Wir haben so viel Glauben in diese Abteilung investiert, dass uns ihr Aufgeben bedrohlich erscheinen kann. Was bleibt denn von mir übrig, wenn ich all diese Geschichten nicht mehr festhalte? Existiere ich dann überhaupt noch?

Genau hier können wir etwas entdecken. Wir müssen die Ego-Abteilung nicht erst auflösen und auch nicht jedes ihrer Argumente widerlegen. Lass dich für einen Augenblick ganz auf diesen jetzigen Moment ein. Auf die Stille in dir. Auf das schlichte Sein, das keine Geschichte braucht. Du bist da. Auch ohne die Urteile, mit denen du dich beschrieben hast. Vielleicht bemerkst du Frieden, Weite oder eine Leichtigkeit, die in deinem gewohnten Ich-Bild gar nicht vorgesehen war.

Gedanken mögen weiterhin auftauchen. Sie mögen am Rand deiner Aufmerksamkeit kreisen. Doch schau genau hin: Sind sie in deinem stillen Sein enthalten? Oder kannst du bemerken, dass dieses Sein von ihnen unberührt ist? Du hörst noch Geräusche, siehst Formen und spürst den Körper. Doch bist du deshalb ganz sicher, dass dein Sein an den Grenzen dieses Körpers endet? Wir sollten die Antwort nicht selbst geben, sondern still wahrnehmen, was sich zeigt.

Das Ego lebt von dem Glauben, den wir ihm geben. In der unmittelbaren Erfahrung unseres Seins können wir erkennen, dass seine Urteile überhaupt nichts darüber aussagen, was wir wirklich sind. Frieden wird hier nicht durch eine bessere Geschichte über uns hergestellt. Er ist da, weil unser wahres Sein unverändert ist. Und wie wir leicht feststellen können, beginnt das Ego in der Präsenz deines Seins zu schwinden. Es verliert an Kraft. Einfach deshalb, weil wir in diesem Moment die AUfmerksamkeit abziehen.

Wenn wir uns auf den jetzigen Moment ausrichten, überlassen wir das Urteilen dem Heiligen Geist. Seine Antwort gründet in unserer Unschuld: Du bist, wie Gott dich schuf. Und das gilt ebenso für deine Mitmenschen. Wir versuchen also nicht, uns eine freundlichere Welt einzureden. Wir erlauben, dass der Irrtum über uns und die anderen berichtigt wird. Unsere Bereitschaft genügt. Die Berichtigung ist die Aufgabe des Heiligen Geistes.

Auch dieser Ausrichtung folgt die Wahrnehmung. Was wir im Frieden erkennen, bleibt keine persönliche kleine Insel, die wir vor der Welt beschützen müssten. Frieden dehnt sich aus. Er gehört keinem persönlichen Ich. Wenn wir unseren Mitmenschen ohne die alten Schuldzuweisungen begegnen, lassen wir eine andere Sicht zu. Das Wunder berichtigt den schrecklichen Irrtum über uns sanft. Ohne Kampf gegen uns selbst. Ohne einen neuen Schuldigen zu suchen.

Und wenn wir wieder urteilen? Wenn die vertraute Geschichte überzeugend klingt und wir doch erneut recht haben wollen? Dann müssen wir uns dafür nicht bestrafen. Ein Vorwurf gegen uns selbst würde denselben Kreislauf weiterdrehen. Es ist gut, wenn wir bemerken, woran wir gerade glauben. Jetzt können wir innehalten und um Hilfe bitten. In dieser Begegnung. Bei diesem Gedanken. Freiheit bedeutet auch, dass wir unsere Umwege nicht verurteilen müssen.

Ich möchte auf eine Welt schauen, die ich von meinen Urteilen freigegeben habe. Heiliger Geist, hilf mir, anders zu sehen. Wir sollten einen Augenblick warten und wahrnehmen, was sich in uns zeigt. Ohne die Antwort mit alten Erklärungen zu füllen. Dein Sein ist jetzt da. Der Frieden darin muss nicht erst verdient werden. Und du kannst dich ihm zuwenden. Sanft. Schritt für Schritt.

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